Passepartout, Bilder aus dem Unterricht, April 2016, Bild Christian Flierl

Das neue Französischlehrmittel «Mille feuilles» ist anspruchsvoll und erfordert viel Selbständigkeit. Dennoch arbeiten viele Lehrpersonen sowie auch ihre Klassen gerne damit. Wie Schülerinnen und Schüler im Unterricht die Fremdsprache lernen und üben, erklärt Salome Maurer, Klassen- und Französischlehrerin in der Primarschule Ettingen (BL).

Frau Maurer, Sie unterrichten in zwei 5. Klassen Französisch. In einer dieser Klassen sind Sie ausserdem Klassenlehrerin. Wie erleben Sie die Schülerinnen und Schüler im Unterricht?

Salome Maurer: Eine Fremdsprache zu lernen, hat viel mit Disziplin und Neugierde zu tun. Kinder bringen diese meist mit weniger Vorbehalten mit als Eltern. Das Lehrmittel erfordert grosse Selbständigkeit und nicht jede Schülerin oder jeder Schüler kann damit gleich gut umgehen.

Was tun Sie, wenn das selbständige Arbeiten Kinder überfordert?

Salome Maurer: Ich leite die Schülerinnen und Schüler mehr an. Ausserdem spreche ich öfter Deutsch, damit die Kinder verstehen, was ich sage.

Wie kommen Schülerinnen und Schüler mit dem Lehrmittel «Mille feuilles» zurecht?

Salome Maurer: Grundsätzlich gut. Ich mache die Erfahrung, dass die Schülerinnen und Schüler lieber mit «Mille feuilles» lernen als mit dem früheren Lehrmittel. Im Magazine 1 von «Mille feuilles» 4 beschäftigten sie sich beispielsweise mit Tieren, die sich tarnen können. Das Thema gefiel ihnen sehr gut, da sie dabei etwas lernen konnten. Auch Monsieur Point, das wörtersammelnde Monster in «Mille feuliies» 3.1 fanden sie sehr lustig. Im Zusammenhang mit der Kuh Marta in «Mille feuilles» 4.2 stellte ich den Kindern die Aufgabe, eine Bildergeschichte zu erfinden. Das machte ihnen Spass und die Geschichten waren sehr fantasievoll.

Und mit was kommen sie weniger gut klar?

Salome Maurer: Mit den Fichier-Karten haben sie manchmal ein Durcheinander. Wir schreiben die Karten ja nach wie vor von Hand. Da geht schon mal etwas verloren oder vergessen.

Wie empfinden Sie als Lehrperson das Arbeiten mit «Mille feuilles»?

Salome Maurer: Bei uns gibt es keine Lehrperson, die sich das frühere Lehrmittel «Envol» zurückwünscht. Wir unterrichten alle lieber mit «Mille feuilles». Das Lehrmittel lässt den Lehrpersonen und auch den Schülerinnen und Schülern mehr Freiheit im Umgang mit den Inhalten. Ich finde es ausserdem wertvoll, dass «Mille feuilles» den Schulkindern Strategien vermittelt, die ihnen beim Lernen von weiteren Fremdsprachen helfen.

Wie üben Sie mit den Schülerinnen und Schülern Vokabeln?

Salome Maurer: Verben üben wir zum Beispiel, indem wir aufstehen, das Verb auf Französisch sagen und dazu eine passende Bewegung machen. Neue Wörter lernen wir oft anhand des Memory-Spiels. Das geht so: Ein Kind legt das deutsche Wort und das andere legt das französische Wort dazu. Danach mischen sie die Karten und suchen die Wortpaare. Am liebsten spielen sie aber in der Klasse Tafelfussball. Wir bilden dazu zwei Mannschaften. Ich sage das Wort auf Deutsch oder Französisch und die Kinder, die gegeneinander spielen, müssen es in die andere Sprache übersetzen. Wer das Wort richtig sagt, dessen Mannschaft rückt mit dem Magnet auf der Tafel näher ans gegnerische Tor.

Wie fliesst Grammatik in den Unterricht ein?

Salome Maurer: Auf Primarstufe wird noch sehr wenig Grammatik vermittelt. Das heisst, die Kinder lernen diese vor allem implizit, indem sie Texte lesen und darüber sprechen. Ich habe mit den Schülerinnen und Schülern «avoir» und «être» durchgenommen, weil beide Verben sehr wichtig sind. Die Kinder wissen ausserdem, dass Substantive entweder männlich oder weiblich sind, und dass diese im Plural mit einem «s» enden. Bei den Verben ist es mir wichtig, dass sie Ein- oder Mehrzahl erkennen. Die Vergangenheitsform «Passé composé» wird dann am Ende des Schuljahres und in der 6. Klasse Thema sein.

Wie gehen Sie mit Fehlern um?

Salome Maurer: Ich korrigiere nicht alle Fehler und bin sicher, dass sich die Sprache deswegen nicht falsch einprägt. Wenn ich zum Beispiel in einem Text jeden Fehler anstreichen würde, sähe alles ganz rot aus. Für die Schülerinnen und Schüler wäre das enorm frustrierend. Ich bin der Meinung, dass man ihnen die Freude am Schreiben nicht nehmen sollte. Ich rate deshalb auch den Eltern, nicht alle Fehler zu korrigieren. Auf den Wortkärtchen kontrolliere ich jeweils, ob die Schülerinnen und Schüler die französischen Wörter richtig schreiben. Im Mündlichen ist mir die Aussprache sehr wichtig und deshalb korrigiere ich diese ebenfalls.

Fällt es fremdsprachigen Kindern leichter, Französisch oder Englisch zu lernen?

Salome Maurer: Für fremdsprachige Kinder ist es sehr wichtig, dass sie ihre Muttersprache gut beherrschen, damit sie ein Gefühl für Sprache entwickeln können. Ist dies nicht der Fall, tut sich ein Kind sehr schwer, nebst Deutsch noch weitere Fremdsprachen zu lernen. Grundsätzlich fällt es aber fremdsprachigen Kindern leichter, mit Parallelwörtern zu arbeiten. Besonders im Vorteil sind natürlich Kinder, die zu Hause eine romanische Sprache sprechen.

Sehen Sie es als Vor- oder als Nachteil, dass die Schulkinder bereits in der 3. Klasse mit dem Fremdsprachenunterricht beginnen?

Salome Maurer: Als Vorteil. Denn in diesem Alter getrauen sie sich viel mehr, sich zu äussern. Die meisten Kinder freuen sich ausserdem sehr, eine Fremdsprache zu lernen. Welche Sprache das ist, spielt für die meisten keine Rolle. Dass sie mit Französisch, der «uncooleren» und schwierigeren Sprache anfangen, ist sinnvoll. Wenn sie in der 5. Klasse mit Englisch einsteigen, können sie vom Gelernten profitieren und kommen viel schneller voran.

Wie reagieren Eltern auf den Französischunterricht mit «Mille feuilles»?

Salome Maurer: Viele Eltern finden es schwierig, dass ihr Kind heute anders Fremdsprachen lernt als sie selbst – mit einer anderen Didaktik und Methodik. Sie haben zum Teil kein Vertrauen, dass ihr Kind die Sprache richtig lernt. Ich zeige ihnen an Elternabenden jeweils Arbeiten von Schülerinnen und Schülern und lade sie ausserdem ein, eine Französischlektion zu besuchen und sich ein Bild des Unterrichts zu machen. Leider haben bisher nur wenige diese Möglichkeit genutzt.