Daniel Jungo ist Passepartout-Weiterbildner und -Lehrer der ersten Stunde: Vor der definitiven Einführung des Lehrmittels unterrichtete er bereits eine Testklasse an der OS Tafers (FR). Als Weiterbildner vermittelt er ausserdem Französischlehrpersonen die Didaktik und Methodik des modernen Fremdsprachenunterrichts. Wie seine 7.-Klässlerinnen und 7.-Klässler mit den neuen Lehrmitteln arbeiten, welchen Stellenwert  Grammatik hat und wie er mit Stärken, Schwächen und Fehlern umgeht, erzählt er in diesem Gespräch.

Herr Jungo, Sie arbeiten mit Ihrer Klasse gerade mit dem Magazine 1 von Clin d’oeil 7. Wie kommen die Schülerinnen und Schüler im Unterricht zurecht?

Daniel Jungo:. Einige arbeiten bereits sehr selbständig, andere hingegen brauchen für jeden Schritt Unterstützung. Wenn Aufträge in Französisch formuliert sind, kommen diejenigen Schülerinnen und Schüler weiter, welche die Lernstrategien anwenden können. Die anderen bleiben eher stecken.

Wie erklären Sie sich diese Unterschiede in Ihrer Klasse?

Daniel Jungo: Die Schülerinnen und Schüler kommen aus verschiedenen Schulhäusern zu uns an die OS Tafers. Wenn sie in der Sek B anfangen, was einem mittleren Niveau entspricht, sollten sie alle ungefähr auf dem gleichen Niveau sein. Aber ich stelle fest, dass sie in einzelnen Fächern unterschiedlich weit sind. Das betrifft auch das Französisch.

Wie gehen Sie damit um?

Daniel Jungo: Ich verlange von den Schülerinnen und Schülern, dass sie mich um Unterstützung bitten. Das klappt bei einigen gut. Wenn ich merke, dass Schülerinnen und Schülerinnen am Platz sitzen bleiben, obwohl sie nicht weiterkommen, gehe ich bei ihnen vorbei. Ich sage ihnen aber nicht einfach die Lösung, sondern stelle Fragen. Auf diese Weise sollen sie lernen, selbständig zu arbeiten. Zweisprachigen Schülerinnen und Schülern gebe ich Zusatzaufgaben, in denen sie beispielsweise ihre Schreibkompetenz stärken können. Sie können auch ein Buch von zu Hause mitbringen und lesen oder an einem selbst  gewählten Thema arbeiten und dies der Klasse vorstellen.

Arbeiten die Schülerinnen und Schüler gerne mit den neuen Lehrmitteln?

Daniel Jungo: Ja. Französisch ist kein unbeliebtes Fach mehr. Die meisten haben Spass daran und arbeiten gerne mit den neuen Lehrmitteln. Der Zugang zur Sprache ist niederschwelliger als beim früheren Lehrmittel. Das Fremdsprachenlernen ist nicht mehr in erster Linie an Grammatikformen gekoppelt. Die Schülerinnen und Schüler können ziemlich rasch ein paar Sätze sagen und das ist motivierend.

Und wie finden Sie als Lehrer das Lehrmittel?

Daniel Jungo: An Clin d’oeil schätze ich, dass es mir viele Möglichkeiten bietet. Ich kann beispielsweise zu jedem Text Übungen zum Lese- und Hörverständnis machen. Mir gefällt, dass das Lehrmittel Tonmaterial, Filme und Zusatzmaterialien beinhaltet. Dass praktisch alle Texte vertont sind, finde ich grossartig. Das ist für die Schülerinnen und Schüler sehr wertvoll, um die Aussprache zu lernen.

Sehen Sie auch Schwächen?

Daniel Jungo: Ja. Diese liegen im gleichen Bereich wie die Stärken. Das enorm grosse Angebot kann Lehrpersonen sowie Schülerinnen und Schüler überfordern. Mir fällt ausserdem auf, dass die Sprachmittel – mündliche Aktivitäten, Grammatik und Wortschatz – teilweise zu wenig sorgfältig aufgebaut sind. Gute Schülerinnen und Schüler können diese Lücken mit Lerntechniken und -strategien schliessen. Sie holen sich zum Beispiel Hilfe bei mir oder blättern in der Revue nach. Schwächere Schulkinder haben grössere Schwierigkeiten damit zurechtzukommen und sind schneller demotiviert.

In welchen Kompetenzen sind die Passepartout-Schülerinnen und -Schüler besonders stark?

Daniel Jungo:  Im Leseverständnis sind sie viel besser, als die Schülerinnen und Schüler, die mit dem früheren Lehrmittel gearbeitet haben. Es fällt ihnen leicht, über Lücken hinwegzulesen und einen Text zu verstehen, obwohl sie nicht alle Wörter kennen. Sie können ausserdem mit einfachen Strukturen – Chunks oder zusätzlichem Wortschatz – relativ gut einen Satz bilden. Zudem sind sie stark im Umgang mit Strategien.

Und was bereitet den Schülerinnen und Schüler Mühe?

Daniel Jungo:  In der Testklasse ist mir aufgefallen, dass die grammatikalischen Strukturen weniger gefestigt waren als bei Schülerinnen und Schülern, die mit dem früheren Lehrmittel gelernt haben.

Welchen Stellenwert hat Grammatik in den neuen Lehrmitteln?

Daniel Jungo: Im Vergleich zu früher hat sie einen geringeren Stellenwert. Als die Lehrmittel ganz neu waren, wurde relativ wenig Grammatik geübt. Nun gibt es eine starke Gegenreaktion. Viele Lehrpersonen finden, dass Grammatik viel stärker gewichtet werden soll und fallen beinahe in die «Bonne-Chance-Zeiten» zurück. Das heisst, sie lernen mit den Schülerinnen und Schülern wieder sehr viel Grammatik. Ich glaube, dass sich der Umgang damit einpendeln wird.

Welche Einstellung haben Sie zum Grammatiklernen?

Daniel Jungo: Mir ist es wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler Basiskenntnisse erwerben. Dass sie beispielsweise wissen, wie man das Passé composé oder das Imparfait bildet und anwendet. In der Didaktik der Mehrsprachigkeit ist die Grammatik Mittel zum Zweck. Das heisst, die Schülerinnen und Schüler wenden Grammatik im Zusammenhang mit einer konkreten Aufgabe an wie beispielsweise mit einem Text, einer Bildbeschreibung oder einem Gespräch. Das finde ich sehr gut. Ich mache aber die Erfahrung, dass die grammatikalische Korrektheit im Lehrmittel zu wenig verlangt wird. Deshalb schaue ich gewisse grammatikalische Phänomene fokussiert an und arbeite mit Zusatzmaterialien.

Wo beziehen Sie diese Materialien?

Daniel Jungo: Ich erarbeite diese selbst, damit ich genau auf die Bedürfnisse in der Klasse eingehen kann. Das ist natürlich ein zusätzlicher Aufwand, der einigen Lehrpersonen sauer aufstösst. Es ist herausfordernd, kluge Übungen zu entwickeln, die inhalts- und handlungsorientiert sind. Doch viele Lehrpersonen vergessen, dass sie in den letzten dreissig Jahren mit Bonne Chance auch mit selbst entwickelten Zusatzmaterialien gearbeitet haben. Wenn man als Lehrperson mal einen Grundstock an Übungen zusammengestellt hat, ist der Aufwand nicht mehr so gross. Es gibt aber mittlerweile auch viele nützliche Zusatzmaterialien vom Verlag und von Passepartout.

Welchen Stellenwert hat die Korrektheit auf der Sekundarstufe?

Daniel Jungo: Am Ende der obligatorischen Schulzeit sollten die Schülerinnen und Schüler gemäss dem Europäischen Referenzrahmen über das Niveau B1.1 oder B1.2 verfügen. Bis zum Niveau B2 spielt die Korrektheit eine untergeordnete Rolle, solange der Inhalt verständlich ist und die Komplexität zunimmt. Mir ist es aber wichtig, dass die Jugendlichen den Stoff, den sie im Unterricht lernen, korrekt anwenden. Das erwarte ich natürlich auch in den folgenden Lektionen. Bei Sprachmitteln, die sie noch nicht gelernt haben, erwarte ich nicht, dass sie diese bereits richtig handhaben.

Wie korrigieren Sie schriftliche Arbeiten?

Daniel Jungo: Auch da korrigiere ich nur das, was sie bereits gelernt haben. Manchmal benutze ich zwei Farben: In einer Farbe streiche ich die Fehler an, die sie kennen sollten, in der anderen markiere ich all das, was sie später noch lernen und wissen müssen.

Welche Fehler korrigieren Sie beim Sprechen?

Daniel Jungo: Mir ist es wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler im Unterricht möglichst stressfrei sprechen können. In einer ersten Phase lernen sie neue Strukturen. Danach üben sie diese, ohne dass ich sie dabei stark korrigiere. In einem formativen Test, den ich mit jeder Person einzeln durchführe, weise ich sie auf Fehler hin. Im Anschluss daran folgt das vertiefte Üben. Am Schluss mache ich mit ihnen einen summativen Test.

Arbeiten die Fremdsprachlehrpersonen in Ihrem Schulhaus zusammen?

Daniel Jungo: Ja. Die OS Tafers war ja eine Testschule. Während dieser Zeit trafen sich die Fremdsprachenpersonen zweiwöchentlich. Diesen regen Austausch haben wir beibehalten. Wir arbeiten eng zusammen und stellen uns zum Beispiel gegenseitig Übungen zur Verfügung und sprechen auch über Themen wie Qualität im Unterricht und niveaugerechte Beurteilungskriterien. Diese Entwicklung, die durch das neue Lehrmittel angestossen wurde, finde ich sehr positiv.

Wie reagieren die Eltern auf den modernen Fremdsprachenunterricht?

Daniel Jungo: Als bei uns die Testmaterialien eingeführt wurden, informierten wir die Eltern ausführlich über den neuen Fremdsprachenunterricht und die Lehrmittel. Viele Eltern hatten Angst, dass ihre Kinder nicht genug lernen. Das hat sich verändert. Es gibt zwar nach wie vor Stimmen, welche die Wörter und die Texte zu kompliziert finden. Aber ich erhalte auch viele positive Rückmeldungen. So freuen sich einige Eltern sehr, dass ihre Kinder mit Strategien Texte erschliessen können. Im Zusammenhang mit Passepartout wird ja viel über die Lehrmittel diskutiert. Die Lehrmittel allein machen aber noch keinen guten Unterricht  aus. Sie sind für mich eine Hilfe und eine Stütze. Meine Motivation und meine positive Einstellung dem modernen Fremdsprachenunterricht gegenüber sind für die Qualität des Unterrichts entscheidend. Denn als Lehrperson bin ich selber dafür verantwortlich, wie gut mein Unterricht ist. Zentral ist dafür die positive Beziehung zwischen mir und den Schülerinnen und Schülern. Wenn Eltern das spüren, haben sie auch mehr Vertrauen in den Unterricht.