«Vous avez eu une bonne pause?» «Qui a joué au foot?», fragt Irene Hadziselimovic die Klasse nach der grossen Pause. Ein paar Hände schiessen in die Luft. Nun steht in der 5. Klasse im Schulhaus Lange Heid in Münchenstein (BL) das Fach Natur, Mensch und Gesellschaft (NMG) auf dem Stundenplan. «Maintenant je vous présente le temps. Qui veut monter sur la carte les régions que je présente?», fragt die Klassenlehrerin Irene Hadziselimovic und schaut in 21 Gesichter. Ein blonder Junge meldet sich und tritt an die Tafel. «En Suisse romande, il neige», liest die Klassenlehrerin vor. Der Junge setzt auf der Landkarte einen Magnet zwischen Lausanne und Genf. «Qu’ est-ce que ça veut dire, il neige?», fragt die Lehrerin in die Klasse. «Einige Hände heben sich. «Es schneit», sagt eine leise Mädchenstimme.

Einen Monat lang Unterricht auf Französisch

Irene Hadziselimovic hat sich mit ihrer Klasse ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Sie will den Unterricht in allen Fächern während drei Wochen in Französisch abhalten und danach eine Woche in Confignon, einem Vorort von Genf, Zeit mit einer Austauschklasse verbringen. «Passepartout beruht ja auf dem Ansatz, dass die Schülerinnen und Schüler möglichst oft mit der Fremdsprache in Berührung kommen. Ich finde das gut. Aber zwei bis drei Lektionen pro Woche ermöglichen kein richtiges Eintauchen», findet Irene Hadziselimovic. «Mit diesem Projekt will ich den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit bieten, während einer längeren Zeit ein Sprachbad zu nehmen und sich intensiv mit Französisch auseinanderzusetzen.»

In den nächsten Tagen präsentiert die Klasse das Wetter selber. Irene Hadziselimovic filmt sie dabei und schickt einige Aufnahmen an die Austauschklasse. Die Schülerinnen und Schüler übersetzen und üben ausserdem täglich Sätze, die sie sich selber aussuchen. Im Werken fertigen sie nach einem Bausatz und einer Anleitung in Französisch ein technisches Gerät an. Diese Aufgabe findet im Rahmen des Projekts «Explore-it» statt, das von Expertinnen und Experten von Passepartout und Lehrkräften entwickelt wurde (siehe auch Technik be-greifen/Com-prendre la technique, «Le Spickmobil»: Bilinguales Technikprojekt.)

Die Klasse übt ausserdem den Rap «Dommage» von Bigflo & Oli. «Die Schülerinnen und Schüler müssen dabei lernen, die Wörter schnell und richtig auszusprechen. Das ist sehr herausfordernd. Aber es bereitet ihnen Spass und sie machen gut mit.» Sie studieren zudem ein Theater mit Puppen ein, die sie selber nach einer Anleitung in Französisch auf YouTube angefertigt haben. Zwei Gruppen schrieben selber ein Theaterstück, zwei andere spielen nach Vorlagen aus den Kinderbüchern «La grande fabrique de mots» und «La pire des princesses». «Im immersiven Unterricht müssen sich die Schülerinnen und Schüler natürlich viel mehr konzentrieren. Ich übersetze vieles, damit sie dem Unterricht folgen können», erklärt Irene Hadziselimovic.

Lange Suche – glückliche Fügung

Die Münchensteiner Lehrerin unterrichtet selber nicht Französisch. Sie absolvierte die Passepartout-Weiterbildung für den Englischunterricht. Zurzeit erwirbt sie noch zusätzlich den berufsspezifischen Sprachkurs C1* in Französisch. «Ich hatte bereits in der Passepartout-Weiterbildung die Idee mit der Immersion», erinnert sich Irene Hadziselimovic. Als die Schulleitung grünes Licht gab und ihre Teamkollegin und ihr Teamkollege – beide ausgebildete Französischlehrpersonen – ihre Unterstützung anboten, startete Irene Hadziselimovic mit der Organisation.

Eine Austauschklasse zu finden, stellte sich indes als grosse Hürde dar. Irene Hadziselimovic suchte eine Klasse in Neuenburg, um nicht so weit von Münchenstein weg zu sein. Sie schrieb mehrere Schulen direkt an und suchte über die Austauschorganisation movetia eine Klasse. Doch ohne Erfolg. «Ich war sehr entmutigt und gab beinahe auf», gesteht sie. Erst als sie auf dem Onlineportal von movetia ihre Sucheinstellungen erweiterte, meldete sich eine Lehrerin aus Confignon. Ein Glücksfall. Denn die Lehrerinnen verstanden sich auf Anhieb. Sie vereinbarten, dass die Genfer Schulklasse in den Fasnachtsferien, also vor Irene Hadziselimovic vierwöchigem Französischprojekt, nach Basel fahren, um mit den Münchensteiner Schulkindern den Morgenstreich, die Kinderfasnacht und den Basler Zoo zu besuchen.

Schulbesuch in Genf

Am Montag der vierten Projektwoche fährt nun die Klasse aus Münchenstein in die Romandie. Sie lernt die Schule der Austauschklasse kennen und nimmt am Unterricht teil. Ein grosses Erlebnis. Am nächsten Tag machen die beiden Klassen eine Schnitzeljagd durch Genf. Zwischen den Deutschschweizer und den welschen Schülerinnen und Schülern ist eine grosse Sympathie da. Sie verständigen sich mit den Sätzen, die sie gelernt haben. Aber auch mit Händen und Füssen. Immer wieder bitten sie ihre Lehrerinnen, dieses oder jenes Wort zu übersetzen. «Die Sprache Französisch war bei meiner Klasse nicht beliebt. Nun stelle ich doch bei vielen Kindern ein Interesse fest», beobachtet Irene Hadziselimovic erfreut. Mitte Woche spielen die Schülerinnen und Schüler der Genfer Klasse und deren Eltern die eingeübten Theaterstücke und den Rap vor. Bevor sie nach Hause fahren, nehmen sie noch an einer Führung beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) teil.

Nach dem vierwöchigen Projekt ist Irene Hadziselimovic zufrieden: «Ich wollte den Schülerinnen und Schülern die Freude an der Sprache vermitteln. Ihnen zeigen, dass Französisch eine lebendige Sprache ist, und dass viele Kinder damit aufwachsen. Das habe ich erreicht.» Irene Hadziselimovic liess die Schülerinnen und Schüler in der ersten Projektwoche ihre Ziele in ein Heft schreiben. Viele wollten das Sprechen verbessern. «Oft wissen sie nicht, wie sie die Wörter aussprechen müssen, damit man sie versteht. Deshalb war es mein Ziel, intensiv an der Aussprache zu feilen», erklärt die Lehrerin.

Die Schülerinnen und Schüler mussten jede Woche einen Text aufs iPad sprechen, um ihre Aussprache zu üben. «Diese verbesserte sich von Woche zu Woche. Die Schülerinnen und Schüler verstehen ausserdem viel mehr und kommunizieren mit einer grösseren Sicherheit als vor dem vierwöchigen Sprachbad.» Und nicht zuletzt sei durch den Austausch auch ihre Motivation gestiegen. «Auch mir hat das Projekt Freude bereitet, und ich habe viel dazugelernt.» Nun plant die engagierte Lehrerin, in rund einem Jahr mit ihrer Klasse vier Wochen lang ein Sprachbad in Englisch zu machen. Sie will entweder an der Swiss International School eine Klasse anfragen oder mit einer Schule in England per Skype oder E-Mail im Austausch sein. Good luck!